Besuch der Poliklinik der Ärzte der Welt in Athen

Besuch der Poliklinik der Ärzte der Welt in Athen am 14.05.2013

von Holger Bau

Die Zentrale der Griechischen Sektion der Ärzte der Welt (ΓΙΑΤΡΟΙ ΤΟΥ ΚΟΣΜΟΥ) liegt in einem Gewirr kleiner und enger Straßen in der Sapfous Street 12, unweit vom Zentrum von Athen. Dort steht das schmale, siebenstöckige Gebäude, in dem in den unteren Stockwerken die öffentliche Poliklinik untergebracht ist. In den oberen drei Geschossen befinden sich Büro- und Versammlungs- bzw. Schulungsräume.

Zentrale MdM Greece in Athen
Zentrale MdM Greece in Athen

Es liegt inmitten alter und  z.T. herunter gekommener aber auch leer stehender Häuser. Es ist ein ärmlicher, ghettoartiger, Bezirk in der Nähe des zentralen Athener Markts. Hier leben fast nur Migranten unterschiedlichster, vor allem aber asiatischer Herkunft. Die vielen kleinen Läden mit den mehrsprachigen Ladenschildern verleihen den umliegenden Straßen trotz der hier herrschenden Armut ein buntes Bild.

Als ich gegen 14 Uhr das Gebäude betrat, warteten ca. 10 Asiaten vor dem Gebäude. Ich wurde, nach kurzer Vorstellung am Empfang, in die Büroräume in der 5. Etage gebeten. Dort wurde ich herzlich von Angeliki Mantikou begrüßt. In allen Räumen herrschte ziemliche Betriebsamkeit. Leute, vermutlich vom Fernsehen, liefen mit ihren Aufnahmegeräten durch die  Räume, es war ein Kommen und Gehen. Das mit Dr. Kana­kis, dem Präsidenten der Griechischen Sektion, geplante Gespräch konnte auf Grund aktueller Vorkommnisse nicht stattfinden. Ein jugendlicher Emigrant war in den Morgen­stunden von Mitgliedern der faschistischen Partei Crysi Avgi körperlich misshandelt und so schwer verletzt  worden, er konnte aber durch das sofortige Eingreifen und sofortige Behandlung durch Ärzte des Hauses gerettet werden.

Dr. Kanakis war ständig in den Räumen unterwegs und führte laufend Gespräche. Zwi­schen zwei Gesprächen begrüßte er mich herzlich und ich konnte ihm die Grüße von un­serem Forum überbringen.

Nikitas Kanakis, Präsident der MdM Greece im Gespräch
Nikitas Kanakis, Präsident der MdM Greece im Gespräch

Meine Fragen konnte ich Angeliki Mantikou stellen, die, nach kurzer, gegenseitiger Vor­stellung und einem elliniko metrio, mich als erstes durch alle Etagen des Hauses führte. Hierbei betonte sie immer wieder, wie wichtig es sei, vor Ort alles selber zu sehen.  Da­nach nahm sie sich viel Zeit, um meine Fragen zu beantworten und über die Situation in Griechenland zu sprechen.

Angeliki Mavrikou, Spendenwerbung
Angeliki Mavrikou, Spendenwerbung

Die Lage in Griechenland

Die Situation hat sich in Griechenland gegenüber 2012 kaum zum Positiven geändert und gleicht damit den geschilderten Zuständen über die Dr. Kanakis im ‘Berliner Forum Griechenlandhilfe‘ im vergangenen Oktober in Berlin berichtet hatte. Die öffentliche Krankenkasse ist weiterhin nicht in der Lage für Medikamente und Behandlungskosten aufzukommen, obwohl sie umstrukturiert wurde.  Die Situation in den öffentlichen Kran­kenhäusern ist immer noch sehr angespannt. Die Verarmung großer Teile der grie­chischen Bevölkerung nimmt zu. Die Arbeitslosigkeit wächst, insbesondere die der Jugendlichen. So ist der Anteil von Griechen, die die Poliklinik aufsuchen – weil kein Geld oder keinen Versicherungsschutz mehr haben – hoch und das mit steigender Ten­denz (derzeit 45 – 50 %). Der andere Teil sind Migranten und Asylsuchende, die zumeist völlig ohne Papiere sind.

Die Poliklinik in Athen

Das siebenstöckige Haus ist seit 8 Jahren Eigentum der ÄdW. Im Erdgeschoss befindet sich linkerhand ein Empfangstresen, auf der rechten Seite ein abgeschirmter Raum für Erstuntersuchung. Im darüber liegenden Geschoss ist der Lagerraum für Medikamente, daneben Behandlungsräume. Männliche Patienten werden in einer Etage, weibliche mit Kindern in einer anderen behandelt. In einem weiteren Geschoss ist eine „Suppen­küche“, daneben lagern 15.000 Pakete mit Monatsrationen an Lebensmitteln für notlei­dende Familien, darunter auch viele griechische. Die Lebensmittel werden nach einem ausgeklügelten System und je nach Vorrat alle ein bis zwei Monate verteilt. In einem abgetrennten Teil einer Etage stehen Stockbetten für 72 Personen, dort wohnen 90 Mig­rantinnen mit ihren Kindern auf engsten Raum bis maximal zu einem Jahr. Angeliki M. beklagte die große Raumnot und die dadurch täglich entstehenden Engpässe. Alle bishe­rigen Bemühungen um zusätzliche Räume waren bisher erfolglos.

Medizinisches und nichtmedizinisches Personal

Das medizinische Personal der ÄdW in Griechenland besteht aus etwa 600 Ärzten, die alle ehrenamtlich arbeiten. Es sind v.a. Volontäre, daneben niedergelassene Ärzte und solche aus Krankenhäusern aber auch pensionierte Kollegen. Wegen einer  besonderen Rechtlage in Griechenland – pensionierte Ärzte dürfen nicht mehr alleine praktizieren – müssen sie immer im Beisein eines zugelassenen Arztes ihre Behandlungen vornehmen. Dies wird aber gerne in Kauf genommen, weil diese mit ihren langjährigen Erfahrungen und großem Wissen einen äußerst wichtigen Beitrag für die Kliniken leisten. Die Be­handlungen umfassen die ganze Bandbreite medizinischer Disziplinen, also von Augen­erkrankungen bis zu Zahnbehandlung.

Das nichtmedizinische Personal umfasst 400 Mitarbeiter. Der Organisationsaufwand für eine reibungslose ärztliche Versorgung ist immens groß, da Volontäre und Ärzte oft nur stundenweise in den Kliniken arbeiten können. So gleicht die Erstellung der Einsatzpläne einem wahren Puzzlespiel. Gleichermaßen muss der Einsatz der Mobilen Stationen organisatorisch vorbereitet werden.

Weitere Polikliniken

Die ÄdW unterhalten in Griechenland in 4 Polikliniken. Neben der in Athen gibt es sie in Thessaloniki, Perama und Chania/Kreta. Daneben gibt es mobile Krankenstationen. In Athen werden täglich ca. 150 Patienten behandelt. Mit den anderen Polikliniken im sind es zusammen etwa 350 am Tag. Wie in Polikliniken üblich ist die Behandlung ambulant, in Fällen, wo eine Stationäre Krankenhausbehandlung notwendig ist, z. B. im Fall einer mit Risiken bevorstehenden Geburt, beginnt in der Poliklinik die Suche nach einem geeigneten Krankenhaus.

Die Situation in der Poliklinik in Thessaloniki ist wegen der dort ebenfalls hohen Anzahl dort lebender Migranten der in Athen vergleichbar.

In Perama, westlich von Athen liegend, befindet sich ein großer „Schiffsfriedhof“. So sind die überwiegende Anzahl der Patienten griechische Seeleute, die dort gestrandet sind.

In Chania, im westlichen Teil von Kreta an der Nordküste gelegen, sind die meisten Pati­enten griechischer Herkunft.

Mobile Stationen

Die Behandlung in den Mobilen Stationen wird sorgfältig vorbereitet und erfolgt in länd­lichen Gebieten aber auch auf den Inseln. Mit den Bürgermeistern in den vorgesehen Einsatzgebieten werden Standort, Zeitpunkt und Behandlungsschwerpunkte abgespro­chen. Diese geben dann diese Information in ihren Einzugsgebieten bekannt, so dass die Hilfesuchenden und Erkrankten sich dann zur Behandlung am Einsatzort einfinden kön­nen.

Mobile Station von MdM Greece
Mobile Station von MdM Greece

Räumliche Situation in Athen

Auf die beengten räumlichen Verhältnisse war oben schon hingewiesen wurden. Die Klinik platzt geradezu aus allen Nähten und kann den Anforderungen kaum mehr gerecht werden. Seit längerem wurden zusätzliche Räumen in der Nachbarschaft gesucht. Das benachbarte zweistöckige Haus steht leer und gehört der Kirche. Es wäre wegen der unmittelbaren Nähe sehr gut geeignet. Alle Anschreiben an die Kirche, in denen um Überlassung oder Nutzung gebeten wurde, blieben unbeantwortet.

Ariadne Westerkamp[1], die zwischenzeitlich zu dem Gespräch dazugekommen war, um ihr Musikprojekt vorzustellen, aus dessen Spendenerlös auch Geld an die ÄdW fließen soll, bot bezüglich der Kontaktaufnahme zur Kirche ihre vermittelnde Hilfe an. Sie unter­hält gute Beziehungen zur Nachbargemeinde (Ag. Irini).

 

Finanzierung

Die ÄdW bekommen seit 3 Jahren vom Griechischen Staat keinerlei finanzielle Unter­stützung mehr. Somit sind Spenden die einzige Geldquelle, um ihre Arbeit zu finanzieren. Diese kommen insbesondere aus der Schweiz, Canada, Niederlanden, Belgien und aus Skandinavien. Für die durch unsere Aktionen zusammengekommen Gelder bedankte sich Angeliki M. im Namen der ÄdW sehr herzlich und betonte, wie wichtig das für ihre Arbeit sei.

Sie sprach aber auch von den vielen finanziellen Engpässen und dem häufig zum Jah­resende aufkommenden Zweifeln, ob es im nächsten Jahr überhaupt weitergehen könne. Doch der unbezwingbare Wille und Mut zur Fortführung ihrer so notwendigen humanitä­ren Arbeit, bekam jedes Mal die Oberhand.

Ultraschallgerät

Das vor Jahren von Siemens seinerzeit gespendete Scangerät ist von Athen nach Perama weitegeben worden, wo es dringend benötigt wurde. Zum derzeitigen Stand wusste Angeliki M. nichts Genaues.

Holger Bau, Berlin, den 20.05.2013

Fragen zum Interview Fr. Meyer Seidl (ÄdW- München)

Derzeitige Einschätzung:

Da die Situation in Griechenland im Vergleich zu 2012 sich kaum geändert hat, ist die Arbeit der Ärzte der Welt in Griechenland eine sehr wichtiger Teil der dort notwendi­gen Arbeit zur ärztlichen Versorgung der in diesem Land lebenden Menschen, egal welcher Herkunft. Die organisatorisch umstrukturierte allgemeine Krankenkasse (frü­her IKA) ist immer noch nicht in der Lage, die Bevölkerung ausreichend zu versorgen (z.B. Behandlungskosten, Medikamente etc.). Der Anteil der griechischen Bevölke­rung ohne Krankenversicherung nimmt zu, so bleibt ihnen nur der Weg zu den ÄdW.

Ein wichtiger Aspekt bei der Arbeit den ÄdW sind die unterschiedlichen Gegeben­heiten an den vier Standorten der Polikliniken. In Athen und Thessaloniki ist der Anteil an Migrant-Innen/Asylant-Innen in etwa gleich hoch wie der der griechischen Bevölkerung, wobei der Anteil der Griechen steigt und die 50%-Marke wohl bald übersteigen sein wird (s. o.). In Perama sind es zum überwiegenden Teil gestran­dete, griechische Seeleute, die dort betreut werden, da sich hier, westlich von Piräus, ein großer Schifffriedhof befindet. In Chania/Kreta sind es meisten Einheimische die ärztliche Versorgung benötigen. Da aber dort wie auch in Heraklion, der größten Stadt Kretas, ebenfalls viele Migranten ohne Papiere leben, dürften diese ebenfalls dort auch um Hilfe bitten.

Da die Ärzte der Welt in Griechenland ihre Arbeit ausschließlich durch Spenden finanzieren, wobei hier neben Geldspenden, auch Medikamente, medizinisches Gerät zu zählen sind, ist dies der extrem wichtigste Pfeiler ihrer Arbeit. Früher gab es noch Zuschüsse von staatlichen Stellen, diese wurden seit einigen Jahren völlig ein­gestellt.

Die Arbeitseinteilung bzw. Einsatzplanung für die Polikliniken und Mobilen Stationen sind ein wahres Puzzlespiel. Da fast alle 600 Mitarbeiter-Innen, egal ob aus dem medizinischen Bereich (Ärzte, Psychologen, sehr viele Volontäre, Krankenpflegepersonal) und ebenso die 400 Mitarbeiter-Innen des nicht medizinischen Bereichs (Büro- und Schreibkräfte, Hauspersonal, Fahrer etc.)  ihre Arbeit alle ehrenamtlich neben ihrem eigenen Beruf ausüben und somit nur für Stunden oder ein Wochenende zur Verfügung stehen, verlangt die reibungslose Arbeit der Ärzte der Welt einen sehr hohen organisatorischen Aufwand.

Hinzukommt die räumliche Enge in der Poloklinik in Athen, die in diesem schmalen Haus wahrhaftig aus allen Nähten platzt. Für den reibungslosen Betrieb und durch besondere Gegebenheiten – für die Migranten sind getrennte Etagen für die Behandlung von Männern und Frauen mit Kindern erforderlich, erhöht sich der Organisationsaufwand, es werden für jede Woche spezielle Behandlungspläne aufgestellt. Und wenn dann in einem Teil einer Etage auch noch 90 Mütter mit Kleinkindern in nur 72 Stockbetten untergebracht sind, die dort für maximal 1 Jahr bleiben dürfen; und des Weiteren eine Suppenküche betrieben wird und aus Platzmangel vor dem Tresen ein Teil der 15.000 in Paketen verpackte Monatsrationen an Grundlebensmittel für bedürftige Personen lagern (v.a. für Griechische Familien), ein weiterer Raum als Lager für die Medikamente dient, dann zeigt das mehr als deutlich, unter welch beengten, räumlichen Verhältnissen die Arbeit geleistet werden muss.

Ausblick

Da sich in Griechenland keine Änderung zur Besserung abzeichnet, ist die finanzielle Unterstützung für die Arbeit der Γιατροί του Κόσμου das oberste Gebot. Neben den Spenden, die aus aller Welt für die Griechische Sektion eingehen, v.a. aus Canada, USA, Niederlande, Belgien, den Skandinavischen Ländern aber auch aus Deutschland ist folgendes m.E. dringend geboten:

In Deutschland sollten sich in weiteren Städten Unterstützerorganisationen wie das in Berlin geründete „Berliner Forum Griechenlandhilfe“ siehe (www.berliner-forum-griechenlandhilfe.de) etablieren, um durch Spendenaufrufe mit dem “Stichwort Griechenlandhilfe“ zu bilden und dies Absprache mit der Münchner Zentrale der Deutschen Sektion „Ärzte der Welt“ erfolgen.

Neben den Ärzten der Welt in Griechenland sind auch andere im medizinischen Bereich tätige Hilfsorganisationen an das Berliner Forum mit der Bitte um finanzielle Hilfe herangetreten. Da wir (Berliner Forum …) kein eingetragener, gemeinnütziger Verein sind und über kein eigenes  Konto verfügen, können wir derartige Hilfe nicht leisten. Von daher, wäre die Gründung von gemeinnützigen Vereinen erneut zu prüfen. Dies insbesondere, um auch Großgeräte, wie das derzeit in Athen von den Ärzten der Welt dringend benötigte Ultraschallgerät (Kardiologie) mit eigener Spendenwerbung zum Teil finanzieren zu können. Daneben sollten parallel derartige, große Spenden bei den Herstellern medizinischer Geräte eingeworben werden.

Ein ganz dringendes Problem ist die räumlich-beengte Situation der Poliklinik in Athen. Es müsste in einer konzertierten Aktion versucht werden, das neben- und leer stehende 2-stöckige Gebäude, das der Griechisch Orth. Gemeinde gehört, für die Arbeit der ÄdW für einen symbolischen Kauf- oder Pachtpreis nutzen zu können. 

Nachtrag : Holger Bau 26.5.2013

[1] Ariadne Westerkamp (Musikerin) lebt in Kallithea, ist mit Gioannis Arvanitis verheiratet (beiden sind enge Freunde von uns) und hat unter Musikern im In- und Ausland eine Initiative ins Leben gerufen, bei der Kompositionen ins Netz gestellt werden, wo man beim Herunterladen einen Geldbetrag spenden kann. Einen Teil des Erlöses möchte sie den ÄdW zukommen lassen. www.musiccareaboutgreece.com;  http://www.facebook.com/careaboutgreece